Was für ein Zirkus!

auch erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 24. Januar 2014

KREFELD. Eishockeyspieler gelten gemeinhin als sehr geerdete Menschen, denen Extravaganzen eher fremd sind. Aber selbst in diesem Umfeld darf man Daniel Pietta als außergewöhnlich bodenständig bezeichnen. Der 28jährige gehört zur seltenen Spezies der besonders Vereinstreuen. Der gebürtige Krefelder hat mit fünf Jahren seine ersten Schritte auf dem Eis beim Krefelder EV gemacht und den Klub seither nur einmal kurz auf Leihbasis ins nahe gelegene Duisburg verlassen. Man darf den Mittelstürmer, der knapp 500 Spiele für die Schwarz- Gelben absolviert hat, durchaus als Experten bezeichnen, was das Krefelder Eishockey betrifft.

Das hatte seinen letzten ganz großen Erfolg mit der sensationellen Meisterschaft 2003. Damals holte eine starke Gemeinschaft mit Spielern, die anderswo unterschätzt wurden den Titel, angeleitet vom Trainerfuchs Butch Goring, getragen von Weltklasseleistungen des unvergessenen Torhüters Robert Müller, des vor einer großen Karriere stehenden Christian Ehrhoff und einer Sturmreihe, der die Gegner nicht gewachsen waren. Christoph Brandner, Brad Purdie und Patrick Augusta hießen die Protagonisten, die Gegner und Scorerwertung dominierten.

Daniel Pietta ist ein Grund dafür, dass man am Niederrhein derzeit davon träumt, diese Geschichte könne sich in Frühjahr 2014 wiederholen. Denn die Zutaten dafür sind vorhanden. Allen voran im Sturm: Es gibt genügend finanzstarke Klubs in der DEL die hochkarätiger besetzt sind. Aber die beste Sturmreihe spielt in Krefeld – das dokumentieren auch die Zahlen: Adam Courchaine, Daniel Pietta und Kevin Clark führen die Scorerwertung der Liga auf den Plätzen Eins bis Drei an. Sie haben 56 der 124 Krefelder Tore erzielt und die Pinguine damit auf den dritten Tabellenplatz geschossen, der die direkte Play-Off Qualifikation bedeuten würde.

„Das ist erst einmal unser Ziel. Dann sehen wir weiter“, sagt Pietta. Große Worte sind dem Nationalspieler fremd, trotz der Vergleiche mit den Helden von 2003, trotz des Dauerlobes seitens vieler Experten, die Pietta aktuell für den komplettesten deutschen Center halten, der sich Jahr für Jahr weiterentwickle. „Er hat viel Verantwortung übernommen und seine Führungsrolle in der Mannschaft voll wahrgenommen. Er will einfach immer etwas bewegen und man merkt, dass er viel Selbstvertrauen hat. Dabei aber geht er nicht immer nur auf die besondere Aktion, sondern erfüllt auch seine Aufgaben überragend“, sagt Trainer Rick Adduono und adelt damit einen Schlüsselspieler. Der erklärt die Dominanz seiner Sturmreihe gewohnt unaufgeregt: „Wir spielen relativ einfach und ich habe zwei Außenstürmer, die die Chancen reinmachen.“ Allen voran Kevin Clark, der Ende der vergangenen Saison nach Krefeld kam und sich in diesem Jahr richtig eingelebt hat. Ein giftiger Spieler, der sich trotz geringer Körpergröße häufig vor dem Tor durchsetzt, wo er wegen seines harten Handgelenkschusses eine latente Bedrohung ist. Keiner hat in der Liga mehr als die 23 Tore des 27jährigen erzielt. „Seine Arbeitsmoral färbt auf das Team ab“, sagt Adduono. Wie Clark ist auch Courchaine der klassische Typ des kanadischen Profis, der sich in Nordamerika nur unterklassig bewähren durfte, aber bestens zum europäischen Eishockey passt. Das hat er in der Vergangenheit bewiesen, als er 2009 mit 12 Toren in den Play-Offs die Düsseldorfer EG bis ins Finale schoss. Courchaine kennt aber auch die ungemütlichen Seiten seiner Branche. Über den österreichischen Zweitligisten Zell am See und das damalige DEL- Kellerkind Duisburg kam er nach Düsseldorf, wo seine Planstelle nach Ausstieg des Hauptsponsors aber eingespart wurde. Ein weiteres Engagement in Österreich endete wegen einer Verletzung vorzeitig. Nach Auflösung des Vertrages in Graz hielt sich der 30jährige beim heutigen Drittligisten Duisburg fit, ehe sich sein Ex-Trainer Rick Adduono an gemeinsame Zeiten in der Eishockey-Provinz Pensacola erinnerte. Aber der hemdsärmelige Rick Adduono ist mit seinen 58 Jahren ein ähnlicher Trainerfuchss wie seinerzeit Goring, einer dem Spieler gerne folgen. So haben die Pinguine, traditionell sehenswertem, offensiven Eishockey verhaftet, auch verlässlich und konsequent nach hinten zu arbeiten. Auch Adam Courchaine, dem das bisher selten nachsagte. Aber unter Adduono fand er nicht nur hier seine Rolle, sondern auch im Kerngeschäft Tore erzielen. Letzte Saison schoss er Krefeld in die Play-Offs, wo er aber wegen einer Rückenverletzung ausfiel.

Bleibt er gesund, haben die Pinguine durchaus eine Außenseiterchance auf den Titel. Zwar ist Torhüter Robert Duba kein Robert Müller und Sinan Akdag mit Ehrhoff zu vergleichen wäre unfair. Aber Teamgefüge und die Tiefe im Kader stimmen. Natürlich ist Krefeld von Pietta, Courchaine und Clark abhängig, aber nicht ausschließlich. Wer die drei ausschaltet, muss immer noch auf andere Könner, wie Altmeister Herbert Vasiljevs (38) aufpassen. Mit sportlichen Mitteln ist das Krefelder Trio, das mannschaftsintern den Spitznamen „Zirkus Krone“ trägt, kaum aufzuhalten. Mit finanziellen schon. So soll sich Kevin Clarke bereits mit den potenten Hamburg Freezers einig sein, aber Courchaine bleibt bis 2017. Deshalb wird es keine Parallele zu 2003 geben, als der Topsturm nach der Meisterschaft Krefeld komplett verließ. Denn auch Daniel Pietta wird seiner Heimatstadt treu bleiben – zumindest bis 2015, eher darüber hinaus. „Solange hier alles stimmt, bleibe ich“, sagt er. Wenn einer Krefeld beurteilen kann, dann er.