Die Liga der „außergewöhnlichen“ Gentlemen

Wenn Gerichte ein Urteil sprechen, kann man sich darüber ärgern, es beklagen oder einfach hinnehmen. Man kann sich Sorgen über die Folgen machen, die in diesem Fall weitreichend sein können.

Ich hinterfrage einfach mal den Grund, warum jemand eine Klage einreicht. Klar, man möchte recht haben bzw. sein Recht bekommen und durchsetzen. Den Maßstab hat das Gericht ja nun gesetzt.

Zankapfel ist der Einsatz von transferkartenpflichtigen Spielern. Also der unbegrenzte Einsatz dieser Spieler, weil sie EU Bürger sind, und man sie gleich behandeln muss, wie Deutsche Spieler. Zwei wollte der BEV erlauben in der Landesliga. Der fünften Liga also. Eine Liga höher hat man sich seit geraumer Zeit auf zwei geeignet, ebenso in der semiprofessionellen Oberliga, in der darüber hinaus auch nur deutsche Torhüter spielen dürfen.

Warum hat man sich darauf geeinigt? Schlicht und ergreifend deshalb, um den hierzulande ausgebildeten Spielern die Möglichkeit zu erhalten, in ihrem Umfeld Eishockey unter Leistungsaspekten spielen zu können. Ihnen die Perspektive zu erhalten, die sie als Kind gesehen haben. Mit allen möglichen Entwicklungsstufen. Ob als ambitionierter Hobbyspieler, ob als überdurchschnittlicher Spieler bis hin zum Profi. Wer keine Perspektive hat, wird irgendwann aufhören oder noch schlimmer – gar nicht erst anfangen. Förderung des Eishockeys in Deutschland, das ist das Ziel. Geht am Besten, wenn man die Spieler selber so gut wie möglich ausbildet und nach oben bringt.

Das ist eine ehrbare, aber ebenso mühsame und auch teure Angelegenheit. Um erfolgreich zu sein, kann man natürlich den kürzeren Weg gehen. Man kann sich fertige Spieler einkaufen. Das ist in Profiligen üblich und gehört ja auch zum Profisport. Aber selbst dort gibt es Beschränkungen. Vier Kontingentspieler in der DEL2, Neun in der DEL. Man nennt das Gentlemens Agreement.

Wenn jemand unbedingt Erfolg haben möchte, ist er zu vielem bereit. Auch, darauf zu verzichten, ein Gentleman zu sein, indem man den Wunsch einer Mehrheit ignoriert.

Entlarvend sind dabei die Argumente, die hervorgebracht werden warum man mehr als zwei Importspieler braucht.

  1. Wir brauchen Rechtssicherheit

Die gibt es ja nun, was aber am Willen der überwältigenden Mehrheit einer Solidargemeinschaft nichts ändert. Dass man sich freiwillig selbst beschränken möchte, um eben Chancengleichheit zu wahren, ein Wettrüsten zu verhindern und den eigenen Nachwuchs zu fördern. Sich gegen eine Mehrheit zu stellen, weil man wegen anderer Ziele eine besondere Motivation hat, kann man machen. Sich einig zu werden wäre auch eine Form der Rechtssicherheit gewesen.

  1. Der Standort liegt in einer strukturschwachen Region oder Randlage. Man kann ohne diese Spieler nicht antreten.

Nun ja. Dass man nicht antreten kann, bei einer Mindestantrittsstärke von 9+1 ist allein schon etwas weit hergeholt. Es kommt ja eher auf die Liga an, in der man antreten möchte oder – wenn man ganz ehrlich ist – die Liga in die man aufsteigen möchte. Da kann man argumentieren wie man will, auch dass man ja selbst eine so gute Nachwuchsarbeit hat und es deshalb ja wohl nicht verwerflich sein kann, wenn man sich über die Solidargemeinschaft hinweg setzt. Da stellt sich schon die Frage, warum man mehr als zwei Importspieler verpflichtet, wenn der eigene Nachwuchs doch so gut und zahlreich ausgebildet wird. Die Antwort ist einfach: Weil die besser sind, den Erfolg garantieren und 80% der Tore erzielen. Um nichts Anderes geht es. Dem eigenen Erfolg auf die Sprünge zu helfen.

  1. In Regionen, in denen es viele Vereine gibt, gibt es viel mehr Spieler, die man verpflichten kann. Vor allem Ex-Profis, die nach ihrer Karriere dort spielen und den Wettbewerb verzerren. Dieses Ungleichgewicht kann man nur mit Importspielern ausbalancieren.

Mag sein, dass die Anzahl der Spieler in manchen Regionen höher ist und man deshalb größere Chancen hat, Spieler zu verpflichten. Aber da die Argumentation vor dem Hintergrund von fünftklassigem Eishockey geführt wird, ist der Begriff „Verpflichtung“ schon etwas irreleitend, da es eine finanzielle Motivation mit einschließt.

Die Klage über die vielen Ex- Profis ist niedlich. Es gibt sicher mehr ehemalige Extraliga- Spieler in der fünften Liga als ehemalige DEL- Spieler.

Und selbst wenn: Diese Spieler haben hierzulande das Nachwuchssystem durchlaufen und sind das Ergebnis der tollen Nachwuchsarbeit eines oder mehrerer Vereine. Wenn ein solcher Spieler nach Hause zurückkehrt und seinen Heimatverein verstärkt, ist es genau so, wie es sein sollte. Der Verein wird für seine Arbeit spät, aber eben belohnt. Auch als Entschädigung dafür, dass der Spieler früh weggegangen ist. Das ist etwas, worauf man stolz sein sollte, diesem Verein gratulieren sollte und sich selbst ein Beispiel daran nehmen sollte, als es zu kritisieren. Soll das eine ernsthafte Argumentation sein? Verein XY hat den Spieler so gut ausgebildet, dass er Profi geworden ist und jetzt ist er viel zu gut für unsere Liga. Dagegen müssen wir uns wehren.

Ja, wehrt Euch, in dem Ihr Euch ein Beispiel nehmt. Bildet Eure Nachwuchsspieler noch besser aus, damit sie konkurrenzfähig sind.

  1. EU- Bürger, die am Standort ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben und ihrem Hobby nachgehen wollen, werden daran gehindert.

Da muss man auch fragen. Was war zuerst da? Huhn oder Ei. Nach dieser Argumentation zieht jemand aus der EU von Berufs wegen an einen Standort, an dem ambitioniertes Eishockey gespielt wird. Dieser EU-Bürger ist ein so guter Eishockeyspieler, dass er in der fünften Liga ein absoluter Leistungsträger für diesen Verein ist, aber die Beschränkung auf zwei Importspieler hindert ihn daran. Warum? Weil es noch zwei EU- Bürger gibt, die am Standort einen Job haben und ebenfalls so gute Eishockeyspieler sind, dass sie einen absoluter Leistungsträger für diesen Verein sind. Das ist schon richtig gut gelaufen für den Verein, dass das Berufsleben nicht nur mehrere EU- Bürger an seinen Standort gebracht hat, sondern dass diese EU- Bürger zufällig auch noch die besten Spieler in der Mannschaft sind.

Es gibt natürlich noch den anderen Fall, dass ein Spieler aus der EU von einem Verein verpflichtet wird, um dort Eishockey zu spielen. Im BEV ist ja auch ein Berufsspieler erlaubt. Ein Spieler also, dessen Beruf es ist Eishockey zu spielen. Jetzt wird er am Standort sesshaft und findet dort eine Arbeit, was dem Verein dann Geld spart. Das ist eine schöne Geschichte und kommt immer wieder vor. Der Verein kann dann einen neuen Berufsspieler verpflichten (der kann auch ein Einheimischer sein übrigens…) und so weiter.

Ist das die Realität? Oder bekommt nicht jeder sehr gute Spieler schon in der fünften Liga eine Aufwandsentschädigung – egal aus welchem Land er herkommt? Ja, die Spieler haben auch sehr oft einen Job, zum Beispiel bei einem Sponsor und sind Arbeitnehmer. Von September bis März…. Und wo ist der Lebensmittelpunkt dann?

Bitte ehrlich sein: Der Bäcker von nebenan, der aus einem anderen EU- Land stammt und ein so guter Eishockey- Spieler ist, dass er in der Liga spielen kann und an der Ausübung seines Hobbys gehindert wird, der ist ein Phantom. Und wenn es ihn gibt, hat er ja einen von zwei Plätzen. Den anderen kann der Berufsspieler haben. Braucht man wirklich so viele mehr?

  1. Kinder ausländischer Eltern die am Standort aufwachsen können später gar nicht in der ersten Mannschaft spielen, wenn der Einsatz dieser Spieler beschränkt wird.

Nachdem ich mir die Tränen abgewischt habe, weil es mich rührt, dass man wegen so viel Selbstlosigkeit vor Gericht zieht, habe ich begonnen, mich zu fragen, wo diese Kinder eigentlich alle sind? Denn würde es sie geben, hätten die Verbände unglaublich viele Ausnahme- Anträge auf dem Tisch und würden die Lücke in der Spielordnung schließen, die man selbst vor einiger Zeit verursacht hat:

Früher gab es ja mal den „Eishockey- Deutschen“. Ein Passus, der mal ungefähr 40 Spieler ohne deutschn Pass betraf, von denen der letzte längst aufgehört hat. Man hat diese Regel aufgehoben. Es wäre sicher ein Gedanke, sie wieder einzuführen, dahingehend, dass man Spieler, die eine Anzahl von Jahren im Nachwuchs gespielt haben, nicht unter ein Kontingent fallen. Das wäre im Sinne von Vereinsleben und Nachwuchsförderung sinnvoll. Und zwar, wenn Bedarf besteht. In der Realität ist es so, dass diese Kinder – wenn sie so lange in Deutschland leben (und Eishockey spielen) – auch die entsprechende Staatsbürgerschaft haben.

Soweit also die Analyse der Haupt- Argumente, warum man in der fünften Liga unbedingt mit mehr als zwei Importspielern antreten muss.

Was hat die Klage nun gebracht?

Sie hat für großen sozialen Unfrieden bei Fans und Vereinen gesorgt. Sie hat für negative Schlagzeilen in der Öffentlichkeit gesorgt, weil diese nicht nur mit fadenscheinigen Argumenten gefüttert wurde, sondern auch Egoismen entlarvt hat, die letztlich dem Eishockey schaden, weil sie bei Zuschauern und auch Sponsoren ein negatives Image transportieren.

Rein sportlich hat sie dafür gesorgt, dass ein spannendes Auf-/Abstiegssystem zwischen vierter und fünfter Liga geschreddert wurde, was die leistungsmäßige Angleichung beider Ligen nun wieder aufhält. Dass es trotzdem einen Aufstieg gibt, kann zum Bumerang werden, wenn der Aufsteiger dann die Solidargemeinschaft der Liga darüber angreift.

Es hat den BEV beschädigt, weil die ehrenamtlichen Funktionäre, die bemüht sind, das Eishockey zu fördern und voran zu bringen in ein ganz falsches Licht gerückt werden, bis hin in die rechte, fremdenfeindliche Ecke. Dabei geht es nur darum, unser Eishockey zu fördern – und, das hat ja die Vergangenheit gezeigt: Der Unvernunft Grenzen zu setzen. Denn wenn es diese nicht gibt, nutzen die Unvernünftigen dies schamlos zu ihrem Vorteil aus. Deshalb scheren sie ja auch aus der Solidargemeinschaft aus und Klagen.

Denn es kam zwar eine Klage – aber kein Vorschlag, wie man das Ganze besser gestalten, wie man die beiden Welten zusammenbringen kann.

Dass die Klage Erfolg haben würde, war abzusehen. So wäre es bei allen Systemen, die eine „Beschränkung“ zur Folge haben. Dies sei allen mal gesagt, die dem Verband Planlosigkeit vorwerfen. Natürlich muss man weiter überlegen, was man tun kann, um ein System der Förderung beizubehalten, das Vernunft beinhaltet und Menschen nicht beschränkt. Wobei ja auch das erstaunlich ist – oder bezeichnend. Es hat kein EU- Bürger gegen diese Beschränkung geklagt, sondern Vereine, die nun ihren Nutzen aus dem Urteil ziehen können, um kein Gentlemens Agreement eingehen zu müssen.

In der fünften Liga. Respekt. Das ist wirklich eine Liga der „außergewöhnlichen“ Gentlemen.