Chance verpasst!

Wie passend: Ausgerechnet am Integrationstag der Fußball- Bundesliga steht ein Schiedsrichter mit Migrati­onshintergrund im Mittelpunkt – weil er eine Regel konsequent umgesetzt hat.

Dafür ist er ja auch da. Das tragische für Deniz Aytekin: Er hat etwas richtig gemacht – aber eigentlich doch grundfalsch.

Denn er hat eine große Chance verpasst

Am Tag danach schimpfen alle – auch die gesamte Schiedsrichterei – über die Regel, die dazu führte, dass Szabolcs Huszti wegen übertriebenem Jubel über seinen Siegtreffer im Nordderby Hannover gegen Bremen, Gelb/ Rot gezeigt werden musste. Ja, es steht so im Text: Trikot ausziehen = Gelb, am Zaun hochklettern = auch Gelb. So schreibt es die FIFA vor. Huszti hat erst das eine getan, dann das andere. Macht in der Regel Arithmetik Gelb/ Rot.

Jetzt kann man natürlich sagen: Hätte er doch eines von beiden bleiben lassen. Ich bin auch kein Fan dieser Trikotauszieherei und finde diese relativ albern. Aber eines ist doch klar: Huszti MUSS nach DIESEM Tor die Sau raus lassen. Alles andere wäre unecht – und es ist genau die Art Emotion die wir beim Fußball alle von einem Spieler erwarten, der in der 90. in einem Derby das Siegtor erzielt. Wann denn bitte sonst??? Hier hätte Aytekin viel eher an einer anderen Schraube drehen und die Jubelzeit nachspielen lassen sollen. Denn genau das wird ohnehin viel zu selten getan.

Was mich zutiefst aufregt sind aber Sätze die heute fallen, wie: „Er hatte gar keine andere Möglichkeit, als die Regeln konsequent umzusetzen.“ Hatte er doch. Jede Wette, niemandem wäre es auf Anhieb aufgefal­len, geschweige denn hätte es reklamiert, wenn Huszti nur Gelb bekommen hätte. Vielleicht außer dem Schiedsrichterbeobachter, der Aytekin ein Minus dafür in die Bewertung eingetragen hätte. Da ist man in der Schiedsrichterei ja sehr korrekt. Dann sollte man aber auch den Regeltext zu ende lesen: Da steht nämlich noch:

Von den Schiedsrichtern wird erwartet, dass sie in solchen Situationen präventiv auf die Spieler einwirken und bei der Beurteilung des Torjubels gesunden Menschenverstand walten lassen.“

Man muss die Schiedsrichter also nicht einmal zu zivilem Ungehorsam aufrufen, um gegen diese seltsame Doppelbestrafung zu kämpfen – was jetzt angeblich mit Eingaben an das FIFA- Regelboard wohl auf büro­kratischem Weg geschieht – also in hundert Jahren kaum geändert wird.

Schiedsrichter brauchen nur eines um eine so dämliche Regel nicht durchzusetzen. Ein wenig Mut und das berühmte Fingerspitzengefühl – denn nichts anderes bedeutet „Gesunder Menschenverstand“.

Es gibt ohnehin nur einen Gewinner der Aktion von gestern: 1899 Hoffenheim. Gegen die ist Huszti kommenden Sonntag gesperrt.