Blog

Interview in der Eishockey- News vom 13.3.2018

In der aktuellen Ausgabe der Eishockey News erscheint ein Interview mit mir, das am 2. März geführt wurde. In der Printausgabe der EN musste es etwas gekürzt werden. Hier sind meine kompletten Aussagen.

Es gab in den letzten Wochen viele Medienanfragen an Marco Sturm und die Nationalmannschaft: Haben Sie sich so eine Aufmerksamkeit mal gewünscht? Und welche Effekte hatten sie bisher?

Natürlich wünscht man sich eine solche Aufmerksamkeit, aber man muss natürlich sagen, dass jetzt alles auf einmal kommt und wir extrem viele Medienanfragen haben. Das ist aktuell eine Mammutaufgabe für unsere Leute, dies zu koordinieren. Ich denke, dass nicht nur Marco, sondern alle unsere Spieler super sympathisch und authentisch rüberkommen und tolle Botschafter für unseren Sport sind. Die Aufmerksamkeit für den Sport – und nur darum darf es jetzt gehen, nicht um Einzelfragen – enorm ist. Eishockey ist wieder im Bewusstsein der Menschen angekommen, das ist die ganz große Leistung dieses Teams, die man den Beteiligten nicht hoch genug anrechnen kann. Gleichzeitig hat jeder Spieler und auch der Bundestrainer seine persönlichen Marktwerte gesteigert. Das werden sie mittel- und langfristig denke ich spüren. Medaillengewinner ist man für immer.

In der Liga ging es direkt nach dem Erfolg weiter.

Hindelang: „Es ist ein Glück, dass die Liga sofort in die Playoffs gegangen ist. Das ist jetzt die spannendste Phase mit den wichtigsten Spielen und wenn da Leute jetzt sagen: Ok, ich schau mir das an. Denn es ist schon ein Unterschied, ob das jetzt der 15. Spieltag ist oder Spiel fünf im Viertelfinale. Das kann das Ganze schon am Köcheln halten.“

Erich Kühnhackl sagte jüngst, Eishockey soll ins Öffentlich-Rechtliche Fernsehen. Was sagen Sie dazu?

Hindelang: „Das ist immer ein schwelendes Thema, das ist klar. Aber mit SPORT1 haben wir auch einen sehr guten Partner. Wenn man sich die letzten zehn Jahre ansieht, da waren wir auch schon mal bei den Öffentlich-Rechtlichen und da wurde mangels sportlicher Bedeutung 2007 auch ein Spiel in die Dritten Programme abgeschoben. Damals waren wir halt noch nicht so sexy. Natürlich will jeder zu den Öffentlich-Rechtlichen, da ist die Quotenerwartung höher. Aber SPORT1 hängt sich extrem rein. So ein Partner, der sich ein Bein ausreißt, ist wahnsinnig viel Wert. Allerdings: Die Bühne Olympia ist eine ganz besondere und es wäre schön, mit der Liga öfter in der Sportschau aufzutauchen. Eine wirkliche Wahrnehmung für eine Sportart bekommt man aber nur über eine erfolgreiche Nationalmannschaft.“

Wie sieht es mit den Sponsoren aus?

Hindelang: „Jetzt sind die Türen offener, wenn Anfragen gemacht werden und in Gesprächen ist die Faszination zu spüren. Aber auch das Merchandising läuft gerade sehr gut. Wir haben vor den Spielen eine eigene, kleine Kollektion erstellt und schieben jetzt – mit Blick auf den Erfolg – weitere Produkte nach. Natürlich gehts auch ums Geld jetzt.“

Stichwort Geld: Die WM hat – so hieß es – einen Gewinn abgeworfen. Kann die Summe beziffert werden und werden diese Gelder so wie angekündigt in neue Projekte gesteckt? Wenn ja in welche?

Die Summe zu beziffern überlasse ich dem WM GmbH Chef Franz Reindl und unserem Finanzvorstand Berthold Wipfler. Natürlich fließen diese Gelder in die in Powerplay 26 dargestellten Maßnahmen.

Wie sieht der Austausch mit der DEL aus?

Hindelang: „Der ist da, sehr eng sogar. Denn wenn man über die Nationalspieler spricht, spricht man von den Angestellten der DEL-Clubs. Dieser Erfolg ist ein Erfolg für das Eishockey und nicht nur den DEB. Neben Mediendruck und den Sponsorenverträgen geht es für uns darum, wieder mehr Kinder zum Eishockey zu bekommen. Denn: Jeder will mehr Zuschauer in der Halle. Jedes Kind, das Eishockey spielt, begeistert in der Familie wieder mindestens zwei Leute mehr für unsere Sportart und sorgt auch dafür, dass mehr Leute Eintrittskarten kaufen. Wir wollen Eishockey ins Bewusstsein zurückholen. Wenn am Wochenende nur ein paar sagen: Hey, da nehme ich mal einen Schläger in die Hand und probiere das aus oder Eltern sich über unsere ganz wichtige Plattform „Wir-sind-eishockey.de“ ansehen, wo ihre Kinder wann mitspielen können, ist schon etwas gewonnen.“

Was wurde aus der Eishallenproblematik, die vor einigen Monaten diskutiert wurde?

Hindelang: „Michael Pfuhl unser technischer Direktor hat da 25 bis 35 Anfragen von Vereinen bekommen, die um Hilfe baten. Das ist eine ganz wichtige Aufgabe des Verbandes, Vereine und Kommunen die Wege aufzuzeigen, alte Stadien instand zu halten oder neue zu bauen. Erst vor Kurzem hat sich zum Beispiel bei mir der Oberbürgermeister von Fürstenfeldbruck gemeldet, wie er das Thema neue Halle in seiner Stadt angehen kann. Wir als Verband müssen Hilfestellung geben, die Arbeit muss aber vor Ort stattfinden. Und je mehr Kinder vor Ort auf dem Eis sind, desto größer ist der Druck auf die Kommune.“

Wie sieht es mit der Reduzierung der Kontingentspieler aus? Marco Sturm hat dies vor den Olympischen Spielen noch einmal thematisiert. Oder gibt es derzeit einfach nicht genug junge Spieler, die diese Rollen einnehmen können?

Hindelang: „Wir finden schon, dass Spieler dieser Kategorie da sind. Franz Reindl hat in Pyeongchang ja gesagt, dass er zwölf bis 15 U20-Spieler sieht, die in der DEL spielen könnten. Natürlich muss eine Reduzierung kommen – eine verträgliche Reduzierung – und hier sind wir wieder bei Powerplay26, wo wir einen klaren Vorschlag machen. Wir haben der DEL einen Vorschlag gemacht, wie man junge Spieler einbauen kann. Und auch die DEL selbst stellt sich bereits die Frage: Wie können wir jünger und schneller und vor allem kostengünstiger werden? Die DEL-Clubs geben bereits Geld für Nachwuchsförderung aus – und zwar nicht wenig. Die Frage, die man sich stellt: Sind die Gelder schon komplett sinnvoll eingesetzt oder kann man aus den Summen, die sie aufbringen, mehr rausholen? Wenn dieses Thema gelöst ist, müssen wir gar nicht mehr über eine Anzahl an Kontingentspielern sprechen. Dann wird das durch den Wettbewerb gelöst.

Wie kann man die DEL, in der Manager und Trainer unter Erfolgsdruck stehen, davon überzeugen, diese Spieler auch einzusetzen?

Hindelang: „Klar machen junge Spieler Fehler, aber ein junger Spieler bringt Tempo und Energie auf das Eis. Wer dies zu nutzen weiß, wird künftig im Vorteil sein. Ausbildungsverträge könnten eine Lösung sein, durch die dann auch die unselige Gehälter- Diskussion aufhört. Fakt ist: Wir müssen sehen, dass wir noch mehr junge Spieler herausbringen, dann wird sich die Frage, ob genug Spieler da sind, auch nicht mehr stellen.“

U20 und U18 sind aktuell zweitklassig. Dann, so hört man von Experten, sind aber einige Talente zu finden.

Hindelang: „Die U20 ist nicht so schlecht und ich denke wir sollten auch wieder aufsteigen können. Es ist wichtig, dass wir gut ausbilden und im Idealfall in der Top-Division vertreten ist. Es ist auch richtig, dass ab dem Jahrgang 2001 die Basis noch breiter wird und da einige Talente dabei sind, auf die wir uns freuen dürfen. Diese jungen Spieler kommen dann in die neue Ligenstruktur bei uns in die Altersklassen U20 und U17, die leistungsorientierter ist als bisher. Das wird sie noch stärker machen. Wir sehen das bei den Landesverbänden. In Bayern müssen die Teams in der Bayern- und Landesliga nächste Saison eine U9 und eine U11 haben, diese Saison war es eine U8. Wenn sie diese nicht haben, können sie nicht in dieser Liga spielen.“

Dazu passt die Diskussion die es jüngst um Bad Kissingen, Burgau und andere Clubs in Bayerns Landesliga gab. Wie sehen Sie das?

Hindelang: „Zunächst einmal ist es mir wichtig zu sagen, dass ich nichts gegen diese Vereine an sich habe. Das ist in dieser überhitzten Diskussion zu kurz gekommen. Ich habe die Philosophie kritisiert und das ausgesprochen, was die meisten Eishockey Fans in Deutschland denken. Denn es ist im Amateurbereich zu kurz gesprungen, fast alles Geld, das man erwirtschaftet für Legionäre im Senioreneishockey auszugeben. Man muss man doch einen gewissen Anteil in den Nachwuchs stecken. Wenn wir aufhören, Kinder in den Verein zu holen und nur schauen, was der Nachbar an Spielermaterial hat, kommen wir nicht weiter. Dann schaffen wir uns ab. Kinder gibt es in jeder Stadt, die Aufgabe ist, sie für diesen tollen Sport zu begeistern.“

Wie sehen Sie dann die Situation in Bad Kissingen?

Hindelang: „Ich sehe schon, dass der Spielbetrieb insgesamt im Norden Bayerns schwieriger ist. Denn die Entfernungen der Spielorte sind deutlich größer als im Süden. Aber vor dem Spielbetrieb kommt erst einmal Kinder zum Schnuppern aufs Eis zu bringen. Wenn man dann aber sagt, man kann heute keinen Nachwuchs machen, weil vor zehn Jahren die Eishalle geschlossen war, frage ich mich, was dort in den letzten zehn Jahren passiert ist. Denn davor war Bad Kissingen ein Vorzeigeverein im Nachwuchs. Wir sehen und respektieren auch die aktuellen Bemühungen, wieder etwas aufzubauen. Die andere Sache ist zwar legal, aber geht am Interesse des Sports vorbei, das komplett falsche Signal und eine Gefahr für das Gemeinwohl aller Vereine. Man sieht es an der Zahl der Trittbrettfahrer.“

Das heißt, sie kennen auch Gegenbeispiele?

Hindelang: „Ja, der ESC Vilshofen in Bayern hatte jahrelang keinen Nachwuchs. Durch die Pflicht eine U8 zu melden, wurde das Problem angepackt. Die haben das auch gepackt und die Mannschaft hat dem Verein ein tolles Gefühl gegeben, hat ein neues Klima im Verein geschaffen. Man bringt nicht nur die Kinder aus Eis, sondern profitiert auch als Verein davon. Man hat ein soziales Gefüge und die Kinder sind im Verein verwurzelt und der Verein bekommt ein ganz anderes Ansehen in seiner Stadt.“

Was ist dann Ihrer Meinung nach die Lösung?

Hindelang: „Die Frage ist: Wie weit ist jemand bereit, in den Nachwuchs Arbeit zu investieren. Es ist zu schaffen, aber es ist eine echt harte Arbeit. Man kann aber wahnsinnig viel positive Energie daraus ziehen und Außenwirkung erzielen. Was am wichtigsten ist: Die Vereine werden irgendwann einmal dafür belohnt. Uwe Krupp hat einmal einen tollen Satz gesagt: Sag mir nicht, warum es nicht geht, sondern warum du es geschafft hast, obwohl so viel dagegen gesprochen hat. Das ist ein wirklich toller Satz.“

Zurück zur Nationalmannschaft. Was muss passieren, dass die WM in Dänemark ein Erfolg wird? Ist das Viertelfinale das Ziel?

Hindelang: „Das ist eine ganz schwierige Frage, denn wir sind in einer schweren Gruppe. Dänemark hat sich den Spielplan so hin gebastelt, wie er am besten für sie ist – was wir ja 2017 auch getan haben und was das Recht des Gastgebers ist. Die WM ist ein neues Turnier und das Schlimmste, was man aus deutscher Sicht machen kann, ist das Viertelfinale zu erwarten. Wir wissen nicht, wer fit ist, wer kommen kann – bei Leon Draisaitls Versicherung beispielsweise sind wir dran – aber wir können erst bewerten, was für ein Erfolg die WM wäre, wenn wir wissen, mit welcher Mannschaft wir zur WM fahren.“

Und die anderen Teams sind gewarnt.

Hindelang: „Die werden uns sicher nicht aus dem Weg gehen, nur weil wir in Südkorea Silber geholt haben. Bis auf Russland waren alle dort schlechter als wir, die werden verdammt heiß sein. Das heißt, dass wir vielleicht die Gejagten sein werden, auch ein Team wie Südkorea wird nicht einfach zu spielen sein, sie haben nun ihr erstes großes Turnier hinter sich. Wir müssen demütig and die Sache herangehen und keine großen Ziele ausgeben.“

Sie selbst werden in der neuen Saison für den Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt arbeiten. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit beim DEB?

Hindelang: „Zunächst einmal habe ich vor, mich bei der Präsidiumswahl am 9. Juni wieder zur Wahl stellen und dann fällen erst einmal die Mitglieder eine Entscheidung. Mir geht es dabei wie jedem anderen Ehrenamtler. Der Job ist immer die Nummer 1, davon lebt man, der Job hat immer Vorrang und wird den möglichen Zeitaufwand definieren. Wenn sich der Lebensmittelpunkt in eine andere Stadt verändert, ist der Weg in die DEB-Zentrale nach München weiter und man kann dann nicht mehr so viel – auch spontan – vor Ort im operativen Geschäft mitwirken, wie bisher. Aber hier ist eh die Frage: Ob man das im Ehrenamt dauerhaft überhaupt sollte und könnte. Die wichtigsten Themen haben wir angestoßen und die müssen ohnehin vom Hauptamt bearbeitet werden, so dass man sich zur eigentlichen Aufgabe eines Präsidiumsmitgliedes hinwenden kann: Beaufsichtigen, Input geben, beraten, Weichen stellen, die Zusammenhänge im Blick haben und Lösungen formulieren. Dafür muss man nicht jeden Tag vor Ort sein – zum Zeitpunkt meiner Wahl bis Ende 2014 habe ich übrigens auch schon in Frankfurt gelebt. Unser Präsidium hat schon jetzt eine überragende Kommunikation dank Mail, Skype und Telefon. Die Frage der Zukunft lautet: Sollte ein Präsidiumsmitglied hauptamtlich, geschäftsführend für den Verband tätig sein, um die Verbindung zwischen Operative und Aufsicht zu schaffen.“

Meine Olympia- Analyse: Das Silber vergolden!

Ja, ich gebe zu; Nach dem Siegtreffer Russlands hatte ich mit den Tränen zu kämpfen. Ich habe mit unserer Mannschaft mitgefühlt, die Gold vor Augen hatte. Aber nur wenig später waren es Freudentränen. Silber gewonnen! Eine historische Leistung. Dieses Team hat Eishockey ins Bewusstsein von Millionen Deutschen zurück gebracht.

Mehr noch: Die olympische Bühne ist für unseren Sport existenziell. Gerade im Jahr der Spitzensportreform den Entscheidern des DOSB und des für Sport zuständigen Bundesinnenministeriums zu zeigen, dass Eishockey sogar medaillenträchtig und weiter förderungswürdig ist, kann man nicht hoch genug einschätzen.

Die Förderung gibt dem finanziell nicht wirklich auf Rosen gebetteten DEB die Möglichkeit, nachhaltig zu arbeiten. Denn genau das ist jetzt das Wichtigste. Dass wir den Weg der Reformen zum Beispiel im Nachwuchs und in der Trainerausbildung weitergehen und nicht sagen „Was wollt Ihr denn, es doch alles gut“. Denn das ist es nicht. Zum Glück haben wir Leute im Verband wie Sportdirektor Stefan Schaidnagel und Bundestrainer Marco Sturm, die einen Teufel tun werden sich zurückzulehnen, sondern weiter anschieben werden.

Die angestoßenen Reformen werden dazu beitragen, dass wir noch mehr gut ausgebildete Spieler herausbringen. Das wird es auch der DEL erleichtern, diese Spieler einzubauen, jünger und schneller zu werden – auch kostengünstiger. Nur mit Nachhaltigkeit, mit intensiverer Zusammenarbeit auf allen Ebenen unter Ausschluss von Gartenzaun-Denken können wir auch künftig zumindest in der Nähe solcher Erfolge sein.

Lasst uns gemeinsam dieses Silber vergolden.